Alles, was Recht ist

Ein sechsmonatiges Praktikum bereitet junge Juristinnen und Juristen in Afghanistan auf die Berufspraxis vor. Für viele ist das Praktikum der Einstieg in eine vielversprechende Karriere.

„Recht haben und Recht bekommen ist zweierlei“, so heißt es oft. Das gilt auch für Afghanistan, wo das geltende Recht nicht immer durchzusetzen ist. Vor allem auf dem Land erschweren informelle Rechtsstrukturen die Anwendung der Verfassung. Das Nachsehen haben insbesondere Frauen, die ihre staatlich garantierten Rechte nicht immer wahrnehmen können.

Die deutsche Zusammenarbeit mit Afghanistan unterstützt den Aufbau einer funktionieren Rechtspraxis. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH hat den Auftrag, die Rechtssicherheit aller Bürgerinnen und Bürger Afghanistans zu verbessern. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert beispielsweise Fortbildungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Justizbehörden sowie staatlicher und nichtstaatlicher Streitschlichtungsstellen.

Damit gerade Frauen zu ihrem Recht kommen, schuf das Programm gemeinsam mit dem afghanischen Frauenministerium und den Provinzämtern für Frauenrechte Anlaufstellen in 73 nordafghanischen Distrikten. Dort setzen sich Ehrenamtliche für Frauenrechte ein. Die wichtigsten Aufgaben der Anlaufstellen: Frauen über ihre Rechte zu informieren und ihnen zu helfen, diese auch einzufordern.

Die Frauenrechte sind auch ein Schwerpunkt bei der Zusammenarbeit des Programms mit den religiösen Schulen, den Madrasas. Zusammen mit dem afghanischen Ministerium für Hajj und religiöse Angelegenheiten wurde ein Handbuch der Frauenrechte im Islam entwickelt. Es wird für die Fortbildung der Religionslehrer verwendet. So sollen auch islamische Schulen die Akzeptanz von Frauenrechten stärken.

Die Zukunft des Rechts in Afghanistan liegt aber in den Händen junger Juristen und Juristinnen. Doch für eine gute Ausbildung reicht es nicht, die Seminare der Rechts- und Schariafakultäten zu besuchen. Angehende Rechtsexperten müssen auch praktische Erfahrungen sammeln. Das Programm zur Förderung der Rechtsstaatlichkeit gibt afghanischen Nachwuchsjuristinnen und -juristen die Gelegenheit dazu.

So wurden an sechs Universitäten in Nordafghanistan Rechtsberatungsstellen eingerichtet. Dort betreuen Studierende der Rechts- und Schariafakultäten unter der Aufsicht erfahrener Rechtsanwälte reale Fälle. Von diesen „Legal Clinics“ profitieren sowohl die Studierenden als auch die Ratsuchenden, denn die Bearbeitung ihrer juristischen Anliegen kostet nichts. Zwischen 2018 und 2019 betreuten fast 880 Studierende – die Hälfte davon Frauen – rund 190 Rechtsfälle.

Komplementär initiierte die GIZ zusammen mit den „Legal Clinics“ und dem afghanischen Ministerium für Hochschulbildung ein Praktikumsprogramm für Absolventinnen und Absolventen weltlicher und religiöser Rechtsstudiengänge. Seit 2013 absolvierten rund 550 junge Frauen und 530 Männer das Vollzeitpraktikum, das zunächst einen Monat dauerte, dann aber auf ein halbes Jahr erweitert wurde.

Während ihres Praxiseinsatzes durchlaufen die Nachwuchsjuristinnen und -juristen mehrere Stationen. Dabei lernen sie vielfältige Aufgaben kennen, auch solche, die über Rechtliches hinausgehen – beispielsweise Projektmanagement, Controlling und Monitoring. Das Ziel der Praktika: Die jungen Juristinnen und Juristen sollen eigene Arbeitsschwerpunkte und -interessen kennenlernen und optimal auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden.

In vielen Fällen gelingt das. So fand die Juristin Shakera aus der Provinz Balkh bald nach ihrem sechsmonatigen Praktikum eine Festanstellung als Projektmanagerin beim Afghan Women Educational Center (AWEC). Dort engagiert sie sich für die Stärkung von Frauen in der Wirtschaft. Sie ist zuständig für Projektmanagement und -koordination, überwacht die Durchführung und Finanzierung der Maßnahmen und bringt neue Projekte auf den Weg. 

Für Shakera steht fest, dass sie ihre Arbeitsstelle dem Praktikum verdankt: „Ich hätte diese Stelle ohne das Praktikum nicht bekommen, weil ich keine Erfahrung hatte und nichts über Projekt- und Finanzmanagement, das Schreiben von Berichten, die Programmdurchführung und die Koordination wusste.“ Erst während des Praktikums habe sie sich dank der Unterstützung erfahrener Kolleginnen und Kollegen in kurzer Zeit die notwendigen Fähigkeiten aneignen können. „Da ich während des Praktikums in einem ähnlichen Umfeld tätig war, fiel mir die Aufnahmeprüfung für meinen jetzigen Job ziemlich leicht und ich habe mir die Stelle gesichert.“

Shakera, die in ihrer Freizeit schreibt und bereits mehrere Texte veröffentlicht hat, sieht sich erst am Anfang ihrer Karriere. Als nächstes will sie ihren Masterabschluss machen und später für die GIZ arbeiten, denn sie interessiert sich besonders dafür, Schulungen und Workshops zu organisieren und die Frauen ihres Landes für ihre Rechte zu sensibilisieren.

Osman Hassani teilt Shakeras positive Erfahrungen. Auch er hat das sechsmonatige Vollzeitpraktikum durchlaufen und arbeitet aktuell bei der Vertretung des Justizministeriums der Provinz Balkh in Mazar-e Sharif, wo er auch sein Praktikum absolvierte. Der 24-Jährige ist für die Registrierung und Beglaubigung von übersetzten Dokumenten zuständig. Für Recht habe er sich immer schon interessiert und sich daher für das Jurastudium entschieden, berichtet der junge Mann aus Nordafghanistan.

Er suchte nach einer Gelegenheit, sein Wissen zu vertiefen und Arbeitserfahrung zu sammeln, als er bei ACBAR, der Koordinierungsstelle der Agentur für Hilfe und Entwicklung in Afghanistan, auf die Anzeige für ein Praktikum stieß. Er bewarb sich online und erhielt den Praktikumsplatz.

Osman Hassani meint: „Das Praktikumsprogramm ist eine Chance für die Jugend. Ich fand es für mich selbst effizient – durch das Programm konnte ich meine Rechtskenntnisse vertiefen und Erfahrungen sammeln, die mir beim Karriereeinstieg sehr geholfen haben. Unter anderem habe ich viel über die Registrierung und Überprüfung von Dokumenten gelernt. Dieses Wissen ist in meinem jetzigen Job sehr nützlich.“

Ebenso wie Shakera fiel es Osman leicht, eine qualifizierte Stelle zu finden – die Erfahrungen aus dem Praktikum, seine Computer- und Englischkenntnisse halfen ihm dabei. Auch Osman Hassani will sich weiter qualifizieren und seinen Master in Jura machen. Sein Ziel ist eine Stelle im diplomatischen Dienst. Osmans Motto: „Durch Beharrlichkeit, Fleiß und Erweiterung des Wissenshorizonts erreicht man seine Ziele.“

Ihren Kommilitonen und Kommilitoninnen können Osman und Shakera nur raten, das Praktikumsprogramm zu nutzen. Am besten, so meinen beide, würde man das Praktikum sogar auf ein Jahr ausdehnen, damit junge Juristen und Juristinnen ihre Karriere mit noch mehr Praxiswissen starten können. Shakera erklärt: „Mangels Arbeitserfahrung sind viele junge Leute in unserem Land arbeitslos. Bei der Anstellung setzen die Arbeitgeber meist voraus, dass man praktische Erfahrungen vorweisen kann. Deshalb ist das Praktikumsprogramm eine große Hilfe.“

Hinweis: Alle genannten Zahlen beziehen sich auf Juli 2019.

Veröffentlichung: 05/2020
Programm: Stärkung der Rechtsstaatlichkeit (RoL)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Außenministerium des Königreichs der Niederlande
Partner: Afghanisches Justizministerium
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Kabul, Balkh, Jawzjan, Baghlan, Samangan, Kunduz, Takhar, Badakshan
Programmziel: Rechtssicherheit für Bürgerinnen und Bürger schaffen – durch die Beratung afghanischer Institutionen und Errichtung rechtsstaatlicher Einrichtungen zur Konfliktbewältigung.
„Da ich während des Praktikums in einem ähnlichen Umfeld tätig war, fiel mir die Aufnahmeprüfung für meinen jetzigen Job ziemlich leicht und ich habe mir die Stelle gesichert.“
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