Ein Ort des Handels und der Verständigung

Jeden Samstagmorgen um 8 Uhr heißt der Tem-Markt in der kleinen Grenzstadt Khorog an der afghanisch-tadschikischen Grenze Handelnde von beiden Seiten des Panj-Flusses willkommen. Angezogen werden sie von der bunten Vielfalt der auf dem Markt angebotenen Produkte: Neben farbenfroher Kleidung und regionalen Lebensmitteln findet man Bücher, Lernmaterial, Hygieneprodukte und Kinderspielzeug. Auch die Geselligkeit kommt auf dem Markt nicht zu kurz: ein Teehaus lädt zum Austausch ein.

Afghanistan und Tadschikistan teilen sich neben der gemeinsamen Grenze auch Sprachen, Traditionen und Kultur. Verschiedene politische und wirtschaftliche Systeme sowie kriegerische Auseinandersetzungen haben in jüngerer Vergangenheit aber zu unterschiedlichen Entwicklungen in den beiden Nachbarländern geführt. Um dieser gegenseitigen Entfremdung entgegenzutreten, zielen von der Bundesregierung finanzierte grenzüberschreitende Projekte darauf ab, die Zusammenarbeit zwischen afghanischen und tadschikischen Grenzgemeinden zu fördern. Um zu einer nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Gemeinden beizutragen, werden neue Handelsbeziehungen aufgebaut und bereits vorhandene Kapazitäten und Ressourcen effizienter genutzt.

Der grenzüberschreitende Tem-Markt wurde 2002 errichtet und ist seitdem jeden Samstag ein beliebter Treffpunkt für afghanische und tadschikische Händlerinnen und Händler. Da der lokalen Regierung für den Bau des Marktes nur wenig Geld zur Verfügung stand, wurde lediglich ein einfacher Pavillon in der Mitte des Marktplatzes errichtet. Dieser sollte Handelnde im Winter vor prasselndem Regen und Schnee, im Sommer vor der prallen Sonne schützen. Der Pavillon löste die Probleme aber nur teilweise. In den Sommermonaten verdarben angebotene Lebensmittel regelmäßig aufgrund enormer Hitze und fehlender Kühlmöglichkeiten. Wegen der allgemein sehr rauen Wetterbedingungen in Khorog musste der Markt beinahe sechs Monate im Jahr geschlossen bleiben. Einheimische, die auf unterschiedlichste Art und Weise vom Handel auf dem Markt profitieren, mussten ihre Gürtel in dieser Zeit deutlich enger schnallen. Doch selbst bei gutem Wetter reichten die 20 Verkaufsstände auf dem Markt nicht mehr aus, um die in den letzten zehn Jahren stark angestiegene Nachfrage zu decken.

Um diese Probleme zu lösen und die Attraktivität des Tem-Marktes für die örtliche Bevölkerung weiter zu steigern, wurde der Pavillon renoviert. Außerdem wurde eine nach außen abgeschlossene Markthalle gebaut, die Schatten spendet und über festinstallierte Wasser- und Sanitäranlagen verfügt. Seit diesen Umbaumaßnahmen locken mittlerweile rund 90 afghanische sowie 50 tadschikische Händlerinnen und Händler jede Woche mehr als 3.000 Menschen aus beiden Ländern zum Grenzmarkt.

Die 28-jährige Sitora ist mit den Umbaumaßnahmen besonders zufrieden: „Wir freuen uns sehr über den neuen Markt. Durch ihn haben wir einen besseren Zugang zu günstigeren Waren und Lebensmitteln, wodurch uns mehr Geld für Dinge wie Gesundheit und Ausbildung zur Verfügung steht.“ Der Markt dient auch als Ort des kulturellen Austauschs zwischen den ortsansässigen Gemeinden, die durch die politische Grenze lange getrennt waren. „Der Markt entwickelt sich zu einem Ort, an dem sportliche, kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen stattfinden. Er bietet eine Plattform für den kulturellen Austausch und hilft uns dabei, andere Menschen besser zu verstehen. Das trägt zur Stabilität in der Grenzregion bei,“ erzählt Farrukh. Auf dem Tem-Markt ist im Vergleich zu anderen Grenzmärkten auch die Anzahl an Händlerinnen gestiegen. Durch die verbesserten Bedingungen und die größere Anzahl an Marktständen wird die Teilhabe von Frauen am wirtschaftlichen und sozialen Leben in der Region gefördert.

Der Tem-Markt spielt daher eine bedeutende Rolle bei der Verbesserung des grenzübergreifenden Handels und fördert aktiv den Dialog zwischen beiden Ländern. Gleichzeitig sammeln die lokalen tadschikischen Behörden Erfahrung bei der Verwaltung grenzüberschreitender Märkte und haben einen zusätzlichen Grund, ihre afghanischen Kolleginnen und Kollegen zu kontaktieren. Diese erfreuliche Entwicklung hilft dabei, die Beziehungen zwischen Afghanistan und Tadschikistan zu stärken.

Veröffentlichung: 06/2019
Programm: Pakistan – Afghanistan – Tajikistan Regional Integration Programme (PATRIP)
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Aga Khan Development Network, Aga Khan Foundation, Wish International, Mission East, Organization for Relief Development (ORD) and other non-governmental organisations
Durchführungsorganisation: KfW, PATRIP Stiftung, Aga Khan Foundation
Provinzen: Afghanistan: Badakhshan, Khost, Nangahar, Paktia; Tajikistan: Gorno Badakshan; Pakistan: Balochistan, Khyber Pakhtunkhwa
Programmziel: Infrastrukturmaßnahmen in den Grenzregionen zwischen Afghanistan, Pakistan und Tadschikistan stärken die Stabilität, Integration und Kooperation der drei Länder.
Der Markt hilft uns dabei, andere Menschen besser zu verstehen. Das Trägt zur Stabilität in der Grenzregion bei.
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