Lernen fürs Berufsleben

Ein kleines Büro in der Provinzverwaltung von Balkh: Schreibtisch, Computer, Rechenmaschine und jede Menge Papiere. Hier ist Trina Yakhdiwal am Ziel ihrer Träume angelangt: „Ich wollte immer schon im öffentlichen Dienst arbeiten“, sagt die 26-jährige Hochschulabsolventin.

Trina Yakhdiwals Karriere ist etwas Besonderes, denn in Afghanistan besuchen weniger als ein Drittel aller Mädchen eine Schule oder Berufsschule. Wenige Frauen lernen einen Beruf. Hat eine Frau allerdings eine Ausbildung absolviert, vielleicht sogar ein Studium, bekommt sie trotzdem häufig keine gute Arbeitsstelle. 

Das liegt zum einen am Jobmangel in Afghanistan. Fast ein Viertel der Afghanen finden keine offizielle Stelle. Rund 400.000 junge Menschen strömen jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt und konkurrieren um die besten Anstellungen. Zum anderen gibt es Vorbehalte gegen berufstätige Frauen.

Das ärgert Trina Yakhdiwal, die die 13. und 14. Klasse an einer TVET-Schule erfolgreich beendet hat und außerdem über einen Bachelor-Abschluss in Rechnungswesen von der Universität Balkh im Norden Afghanistans verfügt. Während ihrer Zeit an der TVET-Schule hörte sie oft die Frage: „Werden dich deine Eltern in einem Büro arbeiten lassen?“ Das belastete die junge Frau. Sie sorgte sich um ihre Zukunft: „Ich konnte mir kaum vorstellen, dass eines Tages mein Traum von einer Stelle in einer öffentlichen Verwaltung Wirklichkeit werden würde.“

Aber Trina Yakhdiwal ist zielstrebig – und sie konnte auf die Rückendeckung ihrer Eltern bauen, die für sie große Vorbilder sind. Trina Yakhdiwals Mutter ist Lehrerin, ihr Vater war Schulleiter in Mazar-e Sharif. „Mein Vater sah es als seine Aufgabe, den Menschen zu dienen. Das will ich auch.“

Deshalb hatte sie den Mut, mit beiden Händen zuzugreifen, als sich ihr die Gelegenheit bot, ein Verwaltungspraktikum in der Buchhaltung zu absolvieren. Ein Empfehlungsschreiben ihrer Fakultät, ihre herausragenden Leistungen, aber vor allem die praktische Erfahrung, die sie während eines früheren Praktikums im Rahmen ihrer Ausbildung an der TVET-Schule gesammelt hatte, ebneten ihr den Weg. „Als ich die Zusage zum Praktikum erhielt, dachte ich zum ersten Mal: Ich kann es schaffen!“, erinnert sich die junge Frau.

Trina Yakhdiwal nahm an einem Praktikumsprogramm der deutschen Zusammenarbeit mit Afghanistan teil. Seit 2010 unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH die afghanische Regierung beim Aufbau praxisnaher beruflicher Bildung. Das Ziel ist, junge Menschen besser auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, damit sie schneller eine Beschäftigung finden.

Dabei verfolgt das Programm im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) einen umfassenden Ansatz – er reicht von Weiterbildung für Lehrpersonen über die Ausstattung von Schulen bis hin zu speziellen Bildungsangeboten für Frauen und für Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Im Rahmen des Programms bieten bereits 750 afghanische Unternehmen Praktikumsplätze an. Bisher konnten so rund 43.500 junge Leute durch Praktika Berufserfahrung aus erster Hand zu sammeln.

Berufspraktika sind nicht selten der Schlüssel zu einer der begehrten festen Arbeitsstellen. Trina Yakhdiwals Kollege und Mentor Haji Abdul Wahab Suliman Zada bekräftigt: „Niemand stellt einen Anfänger mit Null Erfahrung ein. Die Theorie, die an Universitäten gelehrt wird, unterscheidet sich völlig von dem, was die jungen Leute in einem realen Arbeitsumfeld erleben. Das ist ein großer Nachteil bei der Arbeitssuche.“ Trina Yakhdiwal bestätigt, dass sie erst während des Praktikums lernte, administrative Prozesse professionell zu managen.

Nicht nur für die 26-Jährige erwies sich das Praktikum als Karrieresprungbrett. Viele junge Leute, die in der Provinzverwaltung von Balkh, in einer anderen Einrichtung oder in einem Unternehmen praktische Berufserfahrung sammeln konnten, fanden gute Anstellungen im öffentlichen oder privaten Sektor.

Es gibt vieles, was Trina Yakhdiwal an ihrer Arbeit schätzt, die sichere, geschützte Atmosphäre ihres Arbeitsplatzes zum Beispiel und ihr relativ hohes Gehalt. Die Verwaltungsmitarbeiterin verdient 12.000 Afghani im Monat, das ist etwa dreimal mehr als ihre Landsleute im Durchschnitt bekommen. Vor allem aber wertet die Position in der Verwaltungs- und Finanzabteilung ihre soziale Stellung auf, denn finanziell trägt Trina Yakhdiwal genauso viel zum Familieneinkommen bei wie ihre Brüder. Dadurch fühlt sie sich ihnen ebenbürtig.

Als Mann hat Mohammad Rahim Siyer in der afghanischen Gesellschaft einen leichteren Stand als Trina Yakhdiwal. Doch in beruflicher Hinsicht stand Mohammad vor ähnlichen Hürden wie die Verwaltungsangestellte. Zwar absolvierte er seine Wunsch-Ausbildung zum Techniker – aber das praktische Wissen fehlte ihm. In seinem Traumberuf Elektroingenieur ist das nicht nur ein Einstellungshindernis, sondern kann gefährlich werden: „Bei der Arbeit mit Strom kann ein Fehler das Leben kosten“, sagt der 24-Jährige. 

Auch er nutzte das Praktikumsprogramm. „Vorher wusste ich fast nichts über Elektrizität. Aber durch das Praktikum habe ich viel Praxiserfahrung gesammelt, die mir in der täglichen Arbeit sehr hilft. Die Ausbilder waren super – sie hatten jahrzehntelange Erfahrung und ich habe eine Menge von ihnen gelernt.“ Mohammad Rahim Siyer ist überzeugt, dass er seine jetzige Arbeit beim nationalen Stromversorger Da Afghanistan Breshna Sherkat dem Praktikumsprogramm verdankt.

Mohammad und Trina sind sich einig, dass das Praktikumsprogramm eine Chance für junge Afghanen ist - nicht nur, weil es dem einzelnen den Berufsstart erleichtert: „Das Programm hilft den Menschen und der Regierung Afghanistans auf dem Weg in eine bessere Zukunft“, sagt Trina Yakhdiwal, und fügt hinzu: „Ämter und Unternehmen gewinnen eine Generation junger Berufstätiger voller Energie, Engagement und Professionalität.“ Das ist auch ein persönlicher Wunsch von Trinas Mentor Suliman Zada. Der 70 Jahre alte Verwaltungsmitarbeiter ist eigentlich seit vier Jahren in Rente – er musste aber wieder zur Arbeit kommen, weil das Amt nicht auf ihn verzichten konnte. „Ich denke, ich habe meinen Teil getan. Jetzt ist es an den Jungen, Afghanistan Fortschritt, Entwicklung und Glück zu bringen.“

Veröffentlichung: 01/2020
Programm: Förderung der beruflichen Bildung (TVET)       
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Afghanische Behörde für berufliche Bildung (TVET Authority)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, KfW Entwicklungsbank
Provinzen: Landesweit (31 von 34 Provinzen)
Programmziel: Aufbau eines leistungsfähigen Berufsschulsystems
„Ich konnte mir kaum vorstellen, dass eines Tages mein Traum von einer Stelle in einer öffentlichen Verwaltung Wirklichkeit werden würde.“
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