Menschenleben retten – über Grenzen Hinweg

Es ist ein sonniger Wintertag. Dr. Muhammad Tahir ist in Peschawar (Pakistan) unterwegs, als sein Mobiltelefon klingelt. Er weiß: Jetzt zählt jede Sekunde.

Der Arzt am anderen Ende der Leitung berichtet, was vorgefallen ist. Ein Unfall. Tahir fragt nach Einzelheiten.

Kann ich mit dem Patienten sprechen? Können Sie mir Bilder von den Verletzungen schicken? All dies hilft ihm dabei, eine genauere Diagnose zu stellen.

„Ich unterstütze die Ärzte vor Ort vor allem bei komplizierteren Fällen“, erklärt Tahir.

Die Telemedizin kann Leben retten, weil damit besonders gut ausgebildete Fachärzte Patientinnen und Patienten in abgelegenen Gebieten begutachten können - auch über Ländergrenzen hinweg. Ein spezielles Telemedizinprojekt im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan sorgt dafür, dass auch Verletzte in entlegenen Regionen, dringend benötigte medizinische Hilfe erhalten, und fördert dazu die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern.

Ein Kind verbrüht sich an kochendem Wasser.

Ein voll besetztes Auto wird in einen Unfall verwickelt und fängt Feuer.

Bei einer Explosion erleiden mehrere Menschen Verbrennungen.

Diese Notfälle können jederzeit und überall auftreten – auch mehrere Hundert Kilometer vom Hayatabad Medical Complex (HMC), dem Krankenhaus von Peschawar, entfernt.

Als Spezialist für Brandverletzungen weiß Tahir, dass in einem solchen Fall die ersten zwölf Stunden entscheidend sind. Oft fehlt die Zeit, um die Patientinnen und Patientenaus den abgelegenen Regionen des pakistanischen Hochlands oder der afghanischen Grenzregion zu den Fachärzten nach Peschawar zu bringen. Dazu sind die Entfernungen einfach zu groß, und die Station für Verbrennungen und Traumata im HMC verfügt derzeit nur über 14 Betten, die häufig schon belegt sind.

„Der Bedarf ist enorm“, so Jens Clausen, Vizepräsident der Stiftung des Programms zur Förderung der regionalen Integration im Länderdreieck Pakistan-Afghanistan-Tadschikistan (PATRIP). Die von der deutschen Zusammenarbeit mit Afghanistan getragene Stiftung hat im Auftrag des Auswärtigen Amtes und der KfW die Durchführung und Überwachung des Telemedizinprojekts übernommen.

Schätzungen der Stiftung zufolge erleiden jedes Jahr rund 30.000 Menschen in der Region Verbrennungen, und es gibt nicht annähernd genügend Fachärzte, um alle Patientinnen und Patienten zu behandeln.

Die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan gilt als besonders arm. Es kommt häufig zu Zusammenstößen zwischen Afghanen und Pakistani, und Kranke und Verletzte werden vielfach nur unzureichend behandelt.

„Die medizinische Versorgung ist sehr schlecht, vor allem bei Verletzungen wie Traumata oder Verbrennungen, die einer fachärztlichen Behandlung bedürfen,“ so Clausen.

Seit 2014 wurden mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes fünf Zentren zur Behandlung von Traumata und Verbrennungen aufgebaut, die ersten drei in Pakistan und 2016 zwei weitere in Afghanistan. Alle Einrichtungen befinden sich in ländlichen Gebieten.

Als er die Traumazentren in Afghanistan zusammen mit der NRO Wish International geplant und entwickelt hat, sah sich Clausen mit einem Problem konfrontiert: Die Ärztinnen und Ärzte sowie das Pflegepersonal in den abgelegenen Regionen waren für die Behandlung von Verbrennungen und Traumata nicht ausreichend ausgebildet.

Tahir wiederum arbeitet seit fast 20 Jahren als Chirurg. Er ist auf Hauttransplantationen bei Verbrennungen spezialisiert und für seine Arbeit auf diesem Gebiet bekannt.

Wish International trat mit der Idee an die PATRIP Foundation heran, Tahir als eine „Satellitenschnittstelle“ einzubinden, wie Clausen es formuliert. Tahir sollte für das ärztliche Fachpersonal in den Traumazentren, die auf Unterstützung angewiesen sind, aus der Ferne die Funktion eines Vermittlers übernehmen und sein chirurgisches Fachwissen einbringen.

Tahir sagte zu und schulte in mehreren Workshops und Seminaren 95 Ärzte und 24 Ärztinnen in den fünf Zentren. Die an den Schulungen teilnehmenden Personen besuchten das Krankenhaus in Peschawar, in dem Tahir arbeitet. Anhand von Fotos von Verbrennungen zeigte er den Ärztinnen und Ärzten, woran sich verschiedene Arten von Verbrennungen erkennen lassen, wie man eine Wunde reinigt, wann Antibiotika angezeigt sind und wie sich die Haut fixieren lässt. Darüber hinaus haben fünf Personen im ärztlichen Dienst und ein Sanitäter eine internationale Schulung absolviert.

Aus diesen Erfahrungen heraus entstand die Idee, dass Ärztinnen und Ärzte aus beiden Ländern zusammen geschult werden könnten.

„Einer unserer Schwerpunkte besteht darin, zur internationalen Verständigung beizutragen und die Integration der abgelegenen Gebiete zu verbessern“, erklärt Clausen.

Schließlich kennt die Rettung von Menschenleben keine Grenzen. Insgesamt konnten bis heute fast 1.500 akut zu behandelnde Personen aus Pakistan und Afghanistan mit Hilfe der Telemedizin adequat versorgt werden.

Veröffentlichung: 12/2019
Programm: Pakistan – Afghanistan – Tajikistan Regional Integration Programme (PATRIP Stiftung)
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Aga Khan Development Network, Aga Khan Foundation, Wish International, Mission East, Organization for Relief Development (ORD) und andere Nichtregierungsorganisationen
Durchführungsorganisation: KfW, PATRIP Stiftung, Aga Khan Foundation
Provinzen: Afghanistan: Badakhshan, Paktia, Khost, Nangahar, Tajikistan: Gorno Badakhshan, Pakistan: Belutschistan, Khyber Pakhtunkhwa
Programmziel: Infrastrukturmaßnahmen in den Grenzregionen zwischen Afghanistan, Pakistan und Tadschikistan stärken die Stabilität, Integration und Kooperation der drei Länder.
„Ich unterstütze die Ärzte vor Ort vor allem bei komplizierten Fällen“
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