Neustart in der Heimat

Sie sind aus Deutschland nach Afghanistan zurückgekehrt und haben sich mit Hilfe des Programms „Perspektive Heimat“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ein neues Leben aufgebaut: Tahera Mehdawi (32) hat an einen Kurs zur Legehennenhaltung belegt und ein kleines Geschäft gegründet, Owais Janid (27) fand über ein Praktikumsprogramm einen gut bezahlten Job und arbeitet auf seinen Traum hin: einen eigenen Safrananbau.

Wenn Tahera Mehdawi morgens die Tür zum Stall öffnet und in den lehmverputzten kleinen Raum tritt, steht sie zwischen gut zwei Dutzend gackernden Hühnern – und in ihrem neuen Leben. Sie hat es sich in Kora Milli, einem Dorf in der Provinz Herat im Westen Afghanistans, aufgebaut. „Meine Hühner legen bis zu 20 Eier am Tag“, sagt Tahera. „Die Legehennenzucht ist ein sehr gutes Geschäft, ich kann unser Familieneinkommen aufbessern und habe immer ein gehaltvolles Lebensmittel für meine Familie zur Hand.“

Noch vor drei Jahren hätte Tahera sich nicht träumen lassen, dass sie sich einmal in Herat mit Legehennen selbstständig machen würde. Wie viele Millionen Afghanen lebte sie damals im Iran, wo sie geboren wurde, zur Schule gegangen ist und eine Familie gegründet hat. Ihr Mann Mohammadzada, ein gelernter Schneider, verdiente sein Geld auf Baustellen – eine sehr harte Arbeit, bei der er sich eines Tages schwer an der Wirbelsäule verletzte. Der Unfall brachte das Leben der Familie durcheinander. Im Iran konnte Mohammadzada nicht behandelt werden, deswegen beschlossen sie, mit ihrer zweijährigen Tochter Mahida nach Deutschland zu flüchten. Vier Wochen dauerte die beschwerliche Reise über die Türkei, Griechenland und Österreich.

In München wurde Mohammadzada operiert, es ging ihm bald besser, acht Monate lang wohnten sie in einer Unterkunft für Geflüchtete. Doch dann, im März 2017, folgte der nächste Schicksalsschlag: Mohammadzadas Vater starb unerwartet in Afghanistan. Seine Mutter und zwei Schwestern waren plötzlich auf sich allein gestellt und durch die unsichere Lage in Afghanistan in Gefahr. Tahera und Mohammadzada wollten an ihrer Seite sein – und bleiben. Wieder machten sie sich auf den Weg.

Es war ein harter Start für die beiden in Afghanistan, die kleine Familie kam mittellos in Herat an. Mohammadzada schaffte es durch seine Verletzung nicht mehr, für die Familie zu sorgen. Er konnte nur noch wenige Stunden am Tag als Schneider arbeiten. „Unsere Verwandten gaben uns das Nötigste für den Haushalt und die Internationale Organisation für Migration hat ein Jahr lang unsere Miete bezahlt“, sagt Tahera. Dann nahm sie die Dinge selbst in die Hand.

„Von meinem Mann habe ich die Grundlagen des Schneiderhandwerks gelernt und jetzt nähe ich für andere Leute im Dorf“, erzählt die 32-Jährige. Doch der Bedarf an Näharbeiten in Kora Milli ist nicht sehr hoch, Tahera verdient umgerechnet nur etwa 12 Euro im Monat damit. Das reicht gerademal für die halbe Miete. „Als ich gehört habe, dass in unserem Dorf ein Projekt zur Legehennenhaltung beginnen soll, habe ich mich daher gleich angemeldet“, sagt sie.

Starthilfe für Frauen

Gemeinsam mit anderen Frauen nahm Tahera an einem einwöchigen Kurs teil, den die  afghanische Nichtregierungsorganisation Hand in Hand Afghanistan gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kora Milli anbot. Die Frauen bekamen Wissen für eine erfolgreiche Legehennenhaltung vermittelt. Jede von ihnen erhielt 25 Hühner, ausreichend Futter, Futterspender, Wassertränken und Maschendraht für den Stallbau. „Damit konnte ich meine eigene kleine Geflügelzucht im Garten aufbauen“, erzählt Tahera. „Von den 15 bis 20 Eiern, die ich jeden Morgen aus dem Stall hole, verkaufe ich 10 bis 15 auf dem Basar.“ So verdient sie umgerechnet bis zu 35 Euro jeden Monat – zusätzlich zu den Einnahmen aus der Schneiderei.

Für Tahera ist die Legehennenzucht zu einem unverzichtbaren Standbein geworden. „Ich kann jetzt beide Geschäfte von zu Hause führen“, sagt sie. „Für mich ist es ein großes Glück, finanziell unabhängig zu sein und gemeinsam mit meinem Mann dafür zu kämpfen, dass wir ein Leben ohne Armut führen können.“ Sie ist einer lokalen Vereinigung von Legehennenhalterinnen beigetreten und hat eine veterinärmedizinische Ausbildung absolviert. Als tierärztliche Gemeindearbeiterin betreut sie nun 110 Hühnerhalterinnen in der Gegend von Kora Milli, untersucht ihre Tiere auf verbreitete Hühnerkrankheiten, impft sie und behandelt einfache Erkrankungen.  

Wie Tahera profitieren insgesamt rund 1500 Rückkehrende und Binnenvertriebene in der Provinz Herat von dem Legehennen-Projekt der GIZ, weitere 750 in der Provinz Bamyan – mehr als 90 Prozent davon sind Frauen. Sie erhalten Brutmaschinen, um für Nachwuchs im Hühnerstall zu sorgen – und somit für ein nachhaltiges Geschäftsmodell – sowie Hilfe beim Marktzugang und der Weiterverarbeitung von Eiern, um ihre Einnahmen zu erhöhen. 

Finanziert wird das Legehennen-Projekt vom BMZ im Rahmen des Programms „Perspektive Heimat“. „Perspektive Heimat“ soll Bleibeperspektiven für benachteiligte Bevölkerungsgruppen in 13 Partnerländern durch Qualifizierungs- und Beschäftigungsprogramme schaffen und so Fluchtgründen entgegenwirken sowie Rückkehrende den Wiedereinstieg in ihrem Heimatland erleichtern. In Afghanistan wird das Programm seit 2017 von der GIZ innerhalb des Vorhabens „Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungsförderung Afghanistan“ (SEDEP) und in Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen umgesetzt.

Der erste Schritt zum Lebenstraum

Wie Tahera Mehdawi ist es auch Owais Janid gelungen, sich in Afghanistan eine Zukunft aufzubauen. Der heute 27-Jährige musste 2015 aus Herat fliehen, weil er als Fahrer eines Regierungsbeamten in Gefahr geraten war. Über den Iran, die Türkei und Griechenland gelangte er schließlich nach Essen in Nordrhein-Westfalen, Deutschland, wo er auf viele Geflüchtete aus Afghanistan traf. „Ich bin nach Deutschland gegangen, weil ich erstmal an einen sicheren Ort wollte, aber ich hoffte auch, mir dort auf lange Sicht ein besseres Leben aufzubauen.“ Er bekam viel Unterstützung, von den städtischen Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, lernte Deutsch – und entschied sich dann doch, in seine Heimat zurückzukehren. Freunde hatten ihm erzählt, dass die Leute, die ihn in Herat bedroht hatten, verhaftet wurden.

Als Owais im Juni 2017 in Herat eintraf, war die wirtschaftliche Lage im Land extrem schwierig. 40 Prozent der Bevölkerung haben keinen festen Job oder sind unterbeschäftigt. Auch Owai fand keine Arbeit, er lebte bei seinen Eltern, die ihn versorgten. Dann erzählte ein Freund ihm von einem Praktikumsprogramm der Industrie- und Handelskammer in Herat, das wie das Legehennen-Projekt vom BMZ als Teil von „Perspektive Heimat“ finanziert und von der GIZ umgesetzt wird.

Owais bewarb sich, wurde angenommen und verbrachte drei Monate bei einer Immobilienfirma. Er verwaltete Mietwohnungen und Büros und bekam für seine Arbeit gut 80 Euro im Monat. Was als ein Einstieg ins Berufsleben gedacht war, funktionierte auch so: „Im Anschluss an das Praktikum haben sie mir gleich einen Vollzeitvertrag für sechs Monate angeboten“, sagt Owais. Wenn alles gut läuft, wird der Vertrag verlängert. „Die Arbeit gefällt mir sehr gut, nach der langen Arbeitslosigkeit ist das eine Riesenchance für mich.“

300 junge Erwachsene haben wie Owais bereits an dem Praktikumsprogramm teilgenommen und so einen Einstieg in den Arbeitsmarkt gefunden. Rund 250 von ihnen waren Frauen, die weitaus meisten Rückkehrer*innen aus Deutschland oder Drittländern.  

Tahera und Owais sind sich einig: „Perspektive Heimat“ hat ihnen geholfen, in Afghanistan wieder Fuß zu fassen. Tahera schaut mit Zuversicht in die Zukunft. „Ich denke, dass ich mit den Legehennen und der Schneiderei alle meine Ziele verwirklichen kann“, sagt sie. Und Owais arbeitet auf seinen großen Traum hin: Er möchte auf dem brachliegenden Land seiner Familie im Kohsan-Distrikt Safranknollen pflanzen und hofft, eine Anschubhilfe dafür zu bekommen. Zu seinen afghanischen Freunden in Essen hat er noch immer Kontakt – er erzählt ihnen von seinem Praktikum und dem neuen Job bei der Immobilienfirma. „Ich ermutige sie, auch nach Afghanistan zurückzukehren.“

Veröffentlichung: 04/2020
Programm: Nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigungsförderung (SEDEP)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Ministerium für Industrie und Handel (MoIC)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Badakhshan, Baghlan, Balkh, Kabul, Kunduz, Takhar, Samangan
Programmziel: Die Voraussetzungen für wirtschaftliche Aktivitäten im Agrarsektor werden verbessert. Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten für Männer und Frauen aller Bevölkerungsgruppen werden geschaffen.
„Für mich ist es ein großes Glück, finanziell unabhängig zu sein und gemeinsam mit meinem Mann dafür zu kämpfen, dass wir ein Leben ohne Armut führen können.“
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