Rückkehr in ein besseres Leben

Es ist ständig Bewegung in dem kleinen Lebensmittelladen von Mohammad Hassan Rezaiee, im Stadtteil Sarak-e Kelkin von Mazar-e Sharif. Frauen schnuppern prüfend an dem Joghurt und der Sahne, die der 33-jährige Familienvater an einem attraktiv hergerichteten Sonderstand in seinem Geschäft verkauft. Wohlwollend nickt die Kundin nach der Qualitätsprüfung und packt gleich ein paar der Joghurts in ihre Tasche. Das Geschäft läuft, fünf Mitarbeitende hat Rezaiee in den letzten Monaten eingestellt und die Zeichen stehen auf Wachstum.

Noch vor kurzer Zeit sah seine Welt gar nicht so rosig aus. Nach 15 Jahren im Iran kehrte der junge Mann mit seiner Familie 2016 nach Afghanistan zurück. Die wirtschaftlichen Bedingungen waren auch dort sehr schwierig. Rezaiee blickt zurück: „Wir hatten alle gehofft, dass wir im Iran zu mehr Wohlstand kommen, eine gute Arbeit finden. Doch dieser Traum hat sich für uns nicht erfüllt. Deshalb wollte ich lieber in meine Heimat zurück.“ Dort hat er an das Familiengeschäft vor der Migration in den Iran wieder angeknüpft: Er eröffnete einen kleinen Lebensmittelladen und verkaufte dort selbstgemachten Joghurt und Sahne aus der Milch seiner Kühe. Doch die Qualität seiner Milchprodukte war nicht besonders gut und er verarbeitete lediglich 70 bis 80 Liter Milch pro Tag. Trotz harter Arbeit verdiente Rezaiee gerade einmal 10.000 Afghani, das entspricht etwa 115 Euro pro Monat. Viel zu wenig, um davon die Ladenmiete und den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten und erst recht zu wenig, um noch Mitarbeiter einzustellen.

Die Wende brachte eine Begegnung auf der Landwirtschaftsmesse in Balkh. Hier erfuhr er von einem Schulungsangebot für Hersteller von Molkereiprodukten, das die Bundesregierung ins Leben gerufen hatte. Er ergatterte einen Platz in den Trainings und lernte von Landwirtschaft- und Viehwirtschaftsexperten, wie er die Ausbeute an Milch bei seinen Kühen erhöht und diese schnell und effizient weiterverarbeitet, wie er die Qualität der Milchprodukte verbessert und wie er seine Milchprodukte im Anschluss erfolgreich an die Kundschaft bringt. Begeistert erzählt der stolze Ladenbesitzer: „Es ist unglaublich, aber mit meinem neuen Wissen verarbeite ich mehr als das Doppelte an Milch pro Tag. Ich arbeite nach neuen Qualitätsstandards und meine Kunden lieben meinen Joghurt und meine Sahne. Mein Einkommen hat sich verdreifacht!“

Seine Verkaufstaktik hat der junge Mann ebenfalls geändert. Auf Anraten der Trainer hat er einen hübsch aufgemachten Sonderstand für seine eigenen Milchprodukte im Laden eingerichtet. Hier können seine Kunden ausschließlich Joghurt und Sahne aus eigener Produktion kaufen. Ein echter Erfolgsschlager, erzählt Rezaiee: „Die Kunden schätzen den Sonderstand, denn hier werden sie sofort bedient und wissen, dass sie genau hier die Milchprodukte finden. Ich plane, noch einen weiteren Stand zu eröffnen, um noch mehr Kunden rasch bedienen zu können. Mit meinen neuen Mitarbeitern lässt sich das machen.“ Der Traum von einem besseren Leben hat sich für Rezaiee nun in seiner Heimat erfüllt.

Ähnlich wie Resaiee ging es auch Seema Behboodi. Die 37-jährige verheiratete Mutter lebte mit ihrer Familie neun Jahre im Iran und kehrte 2015 nach Afghanistan zurück. Sie stand mit ihrer Produktion und dem Handel von Molkereiprodukten vor den gleichen Schwierigkeiten wie Rezaiee – die Ausbeute an Milch war gering, die Qualität der Produkte schlecht. Nach der Schulung hat auch ihr Geschäft ordentlich an Fahrt aufgenommen: „Ich habe meine Ausbeute an Milch verdoppelt und mein Einkommen verdreifacht. Drei neue Mitarbeiterinnen arbeiten nun für mich und ich bin fest entschlossen, zu expandieren.“ Dazu hat die selbstbewusste Frau eine Idee einiger Aussteller der Landwirtschaftsmesse aufgegriffen. Interessiert beobachtete sie, dass zahlreiche Unternehmer Visitenkarten und Werbematerial dabeihatten: „Das schien mir eine gute Idee, die ich gleich übernommen habe. Das hat tatsächlich schon Früchte getragen, denn ich habe Geschäftsbeziehungen zu Händlern aufgenommen, an die ich künftig ebenfalls verkaufen kann.“

Viele afghanische Bürgerinnen und Bürger haben in der Provinz Balkh im Norden Afghanistans von der Unterstützung der Bundesregierung bei der Existenzgründung im Molkereisektor profitiert – unter ihnen auch Rückkehrende wie Rezaiee und Behboodi. Sie alle haben neue Jobs geschaffen – einige von ihnen bis zu zehn Arbeitsplätze.

Veröffentlichung: 06/2018
Programm: Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungsförderung (SEDEP)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Afghanische Ministerien: Ministerium für Industrie und Handel (MoIC), Ministerium für Finanzen, Ministerium für Landwirtschaft, Bewässerung und Viehzucht (MAIL), Ministerium für ländliche Rehabilitierung und Entwicklung (MRRD); Afghanische Industrie- und Handelskammer (ACCI)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Kabul, Badakhshan, Baghlan, Balkh, Samangan, Kunduz, Takhar
Programmziel: Das Programm zielt darauf ab, neue Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten für Afghanen zu schaffen. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf fünf Wertschöpfungsketten, darunter Nüsse, Milchprodukte, Geflügel, Weizen und Gemüse.
Gesamtlaufzeit: März 2014 – Dezember 2018

 

 

Es ist unglaublich, aber mit meinem neuen Wissen verarbeite ich mehr als das Doppelte an Milch pro Tag. Ich arbeite nach neuen Qualitätsstandards und meine Kunden lieben meinen Joghurt und meine Sahne.
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