Rückkehr für eine gerechtere Gesellschaft

Sajia Behgam hat in Deutschland studiert. Nach ihrem Abschluss kehrte die Afghanin in ihr Heimatland zurück, um dort ihren Beitrag zur Entwicklung zu leisten. Heute kämpft sie für die Gleichstellung der Frauen – und berät den Regierungschef persönlich.

Sajia Behgam hat Karriere gemacht: Seit drei Jahren berät die 36-jährige Afghanin den Regierungschef ihres Heimatlandes, Dr. Abdullah Abdullah, in Sachen Gleichstellungspolitik. Die Hochschulabsolventin setzt sich dafür ein, dass Frauen die gleichen gesellschaftlichen und beruflichen Chancen erhalten wie Männer. Frauenfreundliche Politik in allen Sparten ist ihr Ziel. Darüber hinaus engagiert sie sich für Jugendthemen.

Für Frauen in Afghanistan ist die Lage in den letzten eineinhalb Jahrzehnten besser geworden. Nach dem Sturz der Taliban begann das südasiatische Land, Frauen stärker zu fördern. Eine nationale Gender-Strategie spricht Frauen heute viele Rechte zu. In den Ministerien gibt es Gender-Vertretungen und ein eigenes Ministerium kümmert sich um die Situation der Frauen. Es gibt Frauen im afghanischen Parlament und in Führungspositionen. „Seine Exzellenz Abdullah Abdullah unterstützt die Gleichberechtigung“, unterstreicht Sajia Behgam.

Dennoch ist die politische Beraterin mit der Situation nicht zufrieden. Sie weiß: Mitunter existiert die Partizipation nur auf dem Papier und die Gleichstellungs-Gesetze werden nicht immer angewandt. „Vor allem auf dem Land ist noch viel zu tun“, sagt Sajia Behgam. In manchen Regionen ist die Zahl der Schulabgängerinnen sogar rückläufig. Dabei bräuchte Afghanistan dringend weibliche Fachkräfte wie Rechtsanwältinnen, Ärztinnen und Lehrerinnen, erklärt Behgam.

Ihr eigener Werdegang könnte eine Inspiration für viele Frauen sein. Sajia Behgam stammt aus einer Familie, die Wert auf Bildung und gesellschaftliches Engagement legt. Vor diesem Hintergrund ergriff sie 2010 die Chance, an einem Hochschulprogramm für Afghanen und Afghaninnen in Deutschland teilzunehmen. An der „Willy Brandt School of Public Policy“ in Erfurt machte Sajia Behgam ihren Master-Abschluss in Public Policy.

Nach ihrem Abschluss im Jahr 2013 ging die Absolventin unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH nach Afghanistan zurück. Im Auftrag der Bundesregierung hilft die GIZ hochqualifizierten Rückkehrerinnen und Rückkehren unter anderem bei der Stellensuche. Das Ziel ist, die gut ausgebildeten Kräfte an Schlüsselpositionen in Behörden, Ministerien und Hochschulen zu vermitteln. Dort können sie sich für die Entwicklung ihres Landes engagieren und ihr im Ausland erworbenes Wissen an Kolleginnen und Kollegen weitergeben. Darüber hinaus sind die Zurückgekehrten „Brückenbauer“ zwischen Afghanistan, Deutschland und internationalen Partnern.

Der Hintergrund dieses „Return of Talents“-Ansatzes ist die Tatsache, dass Afghanistan in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viele Fachkräfte verloren hat. Durch Krieg und politische Unruhen vertrieben, entschieden sich die gut ausgebildeten Kräfte für eine Zukunft im Ausland. Zur Stabilisierung des Landes werden qualifizierte Frauen und Männer jedoch dringend gebraucht.

Für Sajia Behgam stand fest, dass sie zurückkehren würde: „Nach meinem Studium in Deutschland war es mein Traum und mein Ziel, meine Erfahrungen in das Bildungssystem Afghanistans einzubringen.“ Zusätzlich zu ihrer Beratertätigkeit für den Präsidenten ist Behgam an der Universität von Kabul beschäftigt. Dort lehrt sie Public Policy und Organisationsentwicklung und vermittelt den Studierenden ihr in Deutschland erworbenes Wissen weiter.

Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland engagierte sich die junge Frau zunächst als Gender- und Politikberaterin für die GIZ. In dieser Position kümmerte sie sich unter anderem um die nationale Gleichstellungspolitik und um die Verbreitung von Wissen über Gender-Themen. Die GIZ unterstützte Sajia Behgam auch bei der Wiedereingliederung in Gesellschaft und Berufsleben nach ihrem mehrjährigen Aufenthalt in Deutschland.

2015 wechselte die Gender-Expertin zur Regierung. „Als Beraterin in den deutschen Projekten der internationalen Zusammenarbeit konnte ich zwar Vorschläge machen und Ratschläge erteilen. Ich wollte aber in der Position sein, aus dem Inneren der Regierung heraus etwas zu verändern“, begründet sie ihre Entscheidung.

Dabei war es anfangs nicht leicht, die älteren Kollegen von ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung zu überzeugen. „Doch irgendwann begannen sie, mich ernst zu nehmen und meine Fähigkeiten anzuerkennen“, erinnert sich Sajia Behgam. Für sie war das eine wichtige Erfahrung: „Egal ob Mann oder Frau: Wenn man sich gegen Zweifler behaupten will, muss man qualifiziert sein, gute Arbeit machen und Dinge durchsetzen können.“ Heute sind ihr direkt 16 Mitarbeiter unterstellt – sie, die Chefin, ist die einzige Frau im Team.

Dinge durchsetzen und verändern - Sajia Behgam weiß, dass das nur gemeinsam geht. Ihr Ansatz ist, die Öffentlichkeit in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen: „Wir Afghanen müssen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Dann entwickelt sich auch unsere Gesellschaft weiter.“ Ihre Auslandserfahrung erlaubt es ihr, Vergleiche zwischen Deutschland und ihrem Land anzustellen. Sie nimmt nichts als gegeben hin, sondern hinterfragt die Dinge und strebt nach Verbesserungen. Zum Beispiel befürwortet sie eine „positive Diskriminierung“: Damit mehr weibliche Fachkräfte ausgebildet werden, ist Sajia Behgam dafür, Frauen den Uni-Zugang zu erleichtern.

Sie persönlich sieht sich noch lange nicht am Ende ihrer Karriere. Ihr nächstes Ziel ist der diplomatische Dienst – sie will als Repräsentantin für Afghanistan bei den Vereinten Nationen tätig werden. Als ihr Vorbild bezeichnet Sajia Behgam Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Sie ist eine sehr starke Frau, die hart arbeitet.“ Als Frau die Geschicke eines Landes zu lenken – das ist ein Weg, den die Afghanin durchaus nachahmenswert findet.

Seit 2010 unterstützten insgesamt 173 Integrierte und Rückkehrende Fachkräfte 32 afghanische Ministerien und staatliche Behörden im Rahmen der deutschen Zusammenarbeit mit Afghanistan.

 

Veröffentlichung: 11/2019
Programm: Integrierte und Rückkehrende Fackräfte
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Afghanische Ministerien und Institutionen
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Balkh, Herat, Kabul, Kandahar, Khost, Nangarhar, Paktia
Programmziel: Aufbau leistungsfähiger staatlicher Verwaltungsstrukturen.
Gesamtlaufzeit: Januar 2010 – Dezember 2020
„Wir Afghanen müssen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Dann entwickelt sich auch unsere Gesellschaft weiter.“
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