Rechtssicherheit dank Alphabetisierung

Ein Polizist bekommt einen Haftbefehl zugestellt, um eine verdächte Person festzunehmen. Er weiß jedoch nicht, wen er festnehmen soll. Ein gesuchtes Auto kann er nicht so einfach ausfindig machen, denn Autokennzeichen kann er nicht lesen. Und die Klage eines Dorfbewohners kann er nicht an die tatsächlich zuständigen Stellen weiterleiten, weil er diese nicht selbst verfassen kann. So sieht der Alltag vieler Polizistinnen und Polizisten in Afghanistan aus, die weder lesen noch schreiben können.

Für über 25.000 afghanische Polizeikräfte, die bereits an den von der deutschen Bundesregierung finanzierten Alphabetisierungskursen teilgenommen haben, sind solche Szenarien nun jedoch Geschichte. „Seitdem ich lesen und schreiben kann, kann ich eigenständig Fahrzeugkontrollen durchführen. Außerdem kann ich jetzt Gesetze nachlesen und so zur Rechtsstaatlichkeit in meinem Land beitragen. Ich komme heute meinen Verpflichtungen viel besser nach als früher – ich bin ein besserer Polizist geworden.“, erzählt Rahim Hussain stolz, der bei der Polizei im Distrikt Yakawlang der Provinz Bamiyan tätig ist.

Seit gut 3 Jahren führt die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag der Bundesregierung ein Alphabetisierungsprojekt für Polizistinnen und Polizisten in Afghanistan durch. Sultan Mohammad, Kursleiter im Polizeihauptquartier in Bamiyan erklärt, warum viele seiner Mitmenschen weder lesen noch schreiben können: „Viele meiner Kursteilnehmer hatten aufgrund langjähriger kriegerischer Auseinandersetzungen nie die Möglichkeit zur Schule zu gehen – oder konnten es sich schlichtweg nicht leisten. Oft müssen junge Menschen in Afghanistan sehr früh ins Berufsleben einsteigen, um zum Familieneinkommen beizutragen.“ Seine Motivation begründet er nachdrücklich: „Polizisten sind ein wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft. Ich möchte dazu beitragen, dass sie diese Aufgabe durch ihre Lese- und Schreibfähigkeit besser erfüllen können.“

Die Alphabetisierung der Polizeikräfte ist auch für die Provinzregierung Bamiyans von großer Bedeutung. „Unsere Polizistinnen und Polizisten sind Hüter des Gesetzes. Nur wenn sie lese- und schreibkundig sind, können sie diese Rolle auch voll ausfüllen“, erklärt Provinzgouverneur Tahir Zuhair.

Auch durch den Rückhalt der afghanischen Regierung ist es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Alphabetisierungskurse möglich, ihre Arbeit ohne Einkommenseinbußen mit den Kursen zu kombinieren. An sechs Tagen pro Woche erhalten sie während ihrer Dienstzeit zwei Stunden Unterricht in drei verschiedene Lernstufen. Die Themen sind abwechslungsreich und berufsnah, die Lehrbücher speziell auf den Bedarf der Teilnehmenden angepasst: Nach den Grundlagen des Lesens und Schreibens werden Themen wie beispielsweise polizeiliches Rechts- und Fachwissen, Menschenrechte, Gender sowie Umweltschutz vermittelt. Nach etwa 12 bis 18 Monaten Unterricht entspricht das Lese- und Schreibniveau der Polizistinnen und Polizisten jenem der dritten Grundschulklasse. Seit 2017 werden von der GIZ auch weiterführende Kurse angeboten – derzeit sind allein in der Provinz Bamiyan fast 400 Polizeifachkräfte eingeschrieben; landesweit sind es 6.800. Auch der Grundkurs erfreut sich großer Beliebtheit. Momentan besuchen ihn fast 30.000 Personen.

Auch Karima, Polizistin und Mutter von fünf Kindern, möchte nach Abschluss der dritten Stufe unbedingt den Fortgeschrittenenkurs belegen. „Ich wollte schon immer Polizistin werden, um den Menschen in meinem Land zu dienen. Vor dem Alphabetisierungskurs konnte ich aber nicht alle Aufgaben so erfüllen, wie ich das von mir selbst erwartet hatte. Ich konnte zum Beispiel Klagen von Frauen nicht selbst verschriftlichen. Heute kann ich Gesetzesvergehen dokumentieren und an die zuständigen Stellen weiterleiten. So helfe ich Frauen, ihre Rechte einzufordern.“

Aber auch außerhalb des Berufsalltags profitieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Alphabetisierungskurse, deren Leben die Lese- und Schreibfähigkeit bereichert hat. Karima betont: „Für mich hat sich, seitdem ich lesen und schreiben kann, mein ganzes Leben verändert. Früher war ich immer von anderen Menschen abhängig und hatte das Gefühl, auf andere warten zu müssen – aber die Zeit des Wartens ist vorbei. Jetzt habe ich mein Leben selbst in der Hand.“

 

Veröffentlichung: 12/2018
Programm: Unterstützung der Polizeiausbildung (PCP)
Auftraggeber: Auswärtiges Amt (AA)
Partner: Afghanisches Innenministerium, Afghanische Nationalpolizei
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Landesweit
Programmziel: Die afghanische Polizei nimmt ihre Aufgaben professioneller und bürgernäher wahr und leistet so einen Beitrag zu mehr Stabilität und Sicherheit in Afghanistan.

 

Polizisten sind ein wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft. Ich möchte dazu beitragen, dass sie diese Aufgabe durch ihre Lese- und Schreibfähigkeit besser erfüllen können.
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