Schülerinnen und Schüler aktiv am Unterricht beteiligen

Frontalunterricht, Durcharbeiten von Büchern, auswendig lernen – diese Lehrmethoden waren für die beiden Dozenten Mokamel und Zaki das Fundament ihres Unterrichts an der pädagogischen Hochschule in den Provinzen Samangan und Takhar.

Mokamel ist seit sechs Jahren Dozent. Trotz der langen Berufserfahrung stand er immer wieder vor dem gleichen Phänomen: „Ich habe nie meinen Stoff in den Unterrichtseinheiten von 50 Minuten durch bekommen. Ich wusste gar nicht, wie man eine realistische Unterrichtsplanung macht. Ständig bin ich mit meinen Unterrichtsinhalten hinterhergehinkt. Das war sehr unbefriedigend.“ Der seit acht Jahren lehrende Zaki ergänzt: „Wir bekommen wahnsinnig dicke Lehrbücher, die wir bis zum Ende des Schuljahres mit den Studenten durchnehmen müssen. Das war mit unseren herkömmlichen Unterrichtsmethoden einfach nicht zu schaffen.“

Die Augen hat Zaki und Mokamel ein vierwöchiger Kurs am Lehrerausbildungszentrum in Mazar-e Scharif geöffnet. Mit ihnen nahmen 38 weitere Kolleginnen und Kollegen von pädagogischen Hochschulen aus den Provinzen Balkh, Badakhshan, Kunduz, Takhar und Samangan teil. Die Bundesregierung und die Schweiz haben den Kurs finanziert und konzipiert. 

Ganz anders als bislang gewohnt konsumierten die 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht vier Wochen lang das, was ihnen ein Vortragender näherbrachte. Ganz im Gegenteil, sie mussten selber mitmachen, mitgestalten und sich einbringen. 

In der ersten Woche standen verschiedene Lehrmethoden sowie Lern- und Erziehungstheorie auf dem Programm. In der zweiten Woche setzten sie ihre neuen Erkenntnisse in Rollenspielen gleich in die Praxis um. Für Zaki ein erhellender Augenblick: „Ich habe festgestellt, dass in den Lehrbüchern zwar jede Menge an Informationen enthalten ist, aber überhaupt keine Anregung, wie sich Schüler selber etwas beibringen und recherchieren können. Wir sind im Rollenspiel in die Bibliothek und ins Internet gegangen und haben so in Gruppenarbeit einen großen Teil des Lehrstoffes selbst erarbeitet – ohne dass der Lehrer eingreifen musste.“ Für Zaki eine tolle Erfahrung denn: „Jetzt weiß ich, wie sich meine Studenten in kürzerer Zeit viel mehr Inhalte erarbeiten können. Diese Methoden sollen sie dann später, nach Abschluss ihrer Lehrerausbildung, bei ihren eigenen Schülerinnen und Schülern ebenfalls anwenden.“

Nicht mehr lehrerzentriert, sondern schülerorientiert sollen die Lehrerinnen und Lehrer in Afghanistan unterrichten. Mokamel weiß jetzt, wie er durch eine gezielte Vorbereitung Unterricht planen kann, der auf 50 Minuten abgestimmt ist: „Ich weiß jetzt wie ich meinen Stoff in einer Unterrichtseinheit durchbekomme und die Inhalte an die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer so weitergebe, dass sie diese verstehen und den Stoff bewältigen können. Das ist eine große Erleichterung.“ 

Am eigenen Leib haben die Kursteilnehmer ihre neuen Erkenntnisse immer wieder in den vier Wochen ausprobiert. Gleichgültig ob es sich um geistes- oder naturwissenschaftliche Fächer handelt, für das Lehrpersonal gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler einzubeziehen. Mokamel berichtet: „Die Bundesregierung hat viele neue Schulen aufgebaut und dabei auch mit Laboratorien ausgestattet. Jetzt wissen wir, wie sich die Schüler dort über Experimente Wissen aneignen können, das die Lehrer anschließend theoretisch vertiefen.“

Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer an den pädagogischen Hochschulen der nördlichen Provinzen Afghanistans profitieren direkt von der Weiterbildung ihrer Dozentinnen und Dozenten. Das bestätigt die Studentin Gulbashra, die nach Abschluss ihrer Ausbildung Sozialwissenschaften unterrichten möchte: „Das neue Programm zu den Unterrichtsmethoden ist total spannend. Jeder muss aktiv mitmachen und verschiedene Rollen einnehmen. Das letzte Mal war ich Schulleiterin und musste mein Lehrerkollegium und die Schule managen. Dabei habe ich wahnsinnig viel gelernt.“ 

Eine gute Freundin von Gulbashra wollte zunächst nicht an dem Programm teilnehmen. Doch Gulbashra war nach dem ersten Tag schon so begeistert, dass sie ihre Freundin ebenfalls überredete. „Meine Freundin ist sehr unsicher und hat familiäre Probleme. Dieses Programm hier stärkt unser Selbstvertrauen enorm. Durch die Rollenspiele merken wir, was wir können und lernen, was wir noch nicht konnten. Genau das brauchte meine Freundin“, erklärt die junge Frau mit leuchtenden Augen.

Durch die Weiterbildung der Dozentinnen und Dozenten der pädagogischen Hochschulen verändert sich die Lehrerausbildung. Partizipativer, schülerorientierter Unterricht hält so allmählich Einzug in den Schulalltag in Afghanistan. Mit ihm steigen die Unterrichtsqualität und so auch die Zukunftschancen der Schulkinder.

Veröffentlichung: 03/2015
Programm: Förderung der Grund- und Sekundarbildung in Afghanistan (BEPA)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA)
Partner: Ministerium für Bildung Afghanistan
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Badakhshan, Balkh, Kunduz, Samangan, Takhar, Kabul
Programmziel: Rahmenbedingungen für eine verbesserte Qualität in der Grund- und Sekundarbildung  schaffen.
Gesamtlaufzeit: Juni 2005 – Oktober 2019
 
Jetzt weiß ich, wie sich meine Studenten in kürzerer Zeit viel mehr Inhalte erarbeiten können.
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