Selbstbewusste Bäckerinnen

11:00 Uhr morgens im von Frauen geleiteten Bäckerei-Ausbildungszentrum im Nordosten Mazar-e Sharifs: Auf zahlreichen Backblechen türmen sich Törtchen, Teigtaschen und sauber geschnittene Weißbrote. Aus mehreren Öfen dringt der verführerische Duft von frisch gebackenem Kuchen und Vollkornbrot. Auf den Tischen sammeln sich Schüsseln, in denen mehrere Frauen schon den Teig für die nächste Runde anrühren.

Seit 8:00 Uhr stehen die Bäckerinnen bereits im Schulungszentrum und bereiten die Produkte für ihre Kunden vor – meist Lebensmittelgeschäfte, Betreiberinnen und Betreiber von Marktständen und private Haushalte. Die 24-jährige Nasiba leitet das Schulungszentrum und ist sehr zufrieden: „Unser Zentrum existiert erst seit einem halben Jahr und wir verarbeiten schon jetzt an einem normalen Tag 50 Kilogramm Mehl. Zu den Feiertagen, wie dem Frühlingsfest Nawruz oder zum Fest des Fastenbrechens Eid, steigt unser Umsatz natürlich beträchtlich.“

Doch die leckeren Produkte aus dem modernen weißen Haus im Nordosten der Stadt sind eigentlich nur ein Nebeneffekt. Angehende Bäckerinnen und Bäcker genauso wie gestandene Geschäftsleute aus den sechs Nordprovinzen Afghanistans haben hier die Möglichkeit, die Kunst des Backens zu erlernen oder weiter zu verbessern. Neue Rezepte, Backtechniken und Vermarktungsmöglichkeiten stehen auf der Agenda. Mit beiden Beinen in der Praxis, lernen die Teilnehmenden von den zehn gut geschulten und fest angestellten Bäckerinnen des Schulungszentrums, wie sie ihr Geschäft beleben, neue Produkte kreieren und moderne Technologien einsetzen können. Die Bundesregierung hat den Bau und die Ausstattung des Bäckerei-Ausbildungszentrums finanziert, die Direktion für Frauenangelegenheiten der Provinz Balkh hat das Baugrundstück gestellt. Seit der Einweihung des 100 Quadratmeter großen Zentrums im September 2017, haben in den ersten sechs Monaten bereits 40 Frauen und Männer an dessen Aus- und Weiterbildungskursen teilgenommen. Mit neuen Backtechniken und einem breiten Sortiment haben sie sich selbstständig gemacht oder ihre bestehenden Geschäfte erweitert.

Für die zehn Mitarbeiterinnen im Ausbildungszentrum hat sich das Leben mit ihrer neuen Anstellung ebenfalls verändert. Die 20 Jahre alte Farima erzählt: „Wir arbeiten von 8:00 bis 16:00 Uhr in zwei Schichten. Damit habe ich die Möglichkeit, parallel weiter zu studieren. Hier verdiene ich 5.000 Afghani, rund 60 Euro pro Monat. Damit kann ich einen großen Teil meiner Ausgaben finanzieren und habe gleichzeitig einen Job, der mir richtig viel Spaß macht.“ Das Einkommen wissen sämtliche Angestellten sehr zu schätzen. Die Frauen füllen damit die Haushaltskasse auf und es bietet ihnen die Chance, mit eigenem Geld neue Wege zu gehen. „Ich konnte meine Ausbildung nie abschließen, weil bei uns zu Hause das Geld fehlte. Jetzt kann ich mit meinem eigenen Geld an die Uni gehen. Die Frauen hier genießen einfach die Situation, finanziell unabhängig zu sein und selbstbestimmt entscheiden zu können, wofür sie ihr Geld ausgeben“, macht Nasiba selbstbewusst klar.

Momentan planen die Frauen, eine weitere Verkaufsstelle in der Stadt zu eröffnen, um die leckeren Backwaren einem noch größeren Kundenkreis zugänglich zu machen.


Veröffentlichung: 05/2018

Programm: Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Beschäftigungsförderung (SEDEP)

Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Partner: Afghanische Ministerien: Ministerium für Industrie und Handel (MoIC), Ministerium für Finanzen, Ministerium für Landwirtschaft, Bewässerung und Viehzucht (MAIL), Ministerium für ländliche Rehabili-tierung und Entwicklung (MRRD); Afghanische Industrie- und Handelskammer (ACCI)

Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

Provinzen: Kabul, Badakhshan, Baghlan, Balkh, Samangan, Kunduz, Takhar

Programmziel: Das Programm zielt darauf ab, neue Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten für Afghanen zu schaffen. Die Aktivitäten konzentrieren sich auf fünf Wertschöpfungsketten, darunter Nüsse,       Milchprodukte, Geflügel, Weizen und Gemüse.

Gesamtlaufzeit: März 2014 – Dezember 2018
Die Frauen hier genießen einfach die Situation, finanziell unabhängig zu sein und selbstbestimmt entscheiden zu können, wofür sie ihr Geld ausgeben.
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