Sonnenstrom für eine hellere Zukunft

Solarstrom ist eine Chance für Afghanistan: Mit der Kraft der Sonne soll die Energieversorgung im Land besser und sauberer werden. Erste Projekte beweisen: Es funktioniert.

8,8 Stunden pro Tag scheint im Jahresdurchschnitt in Afghanistan die Sonne, damit hat das Land in Südasien fast doppelt so viele Sonnenstunden wie Deutschland. Diesen Sonnenreichtum will Afghanistan, eines der ärmsten Länder der Welt, besser nutzen.

Die Regierung Afghanistans will bis 2032 die inländische Stromerzeugung deutlich steigern – mit Hilfe erneuerbarer Energien. Fünf Gigawatt Energie sollen zusätzlich produziert werden, davon 1,5 Gigawatt aus Photovoltaik, so legt es die „Roadmap für erneuerbare Energien“ der afghanischen Regierung fest. Die Experten der Afghanistan Renewable Energy Union (AREU) gehen sogar davon aus, dass innerhalb der nächsten zwölf Jahre bis zu drei Gigawatt Solarstromleistung errichtet und wirtschaftlich betrieben werden können.

Auch der nationale Energieversorger Da Afghanistan Breshna Sherkat (DABS) blickt der Energiewende optimistisch entgegen, denn Afghanistan hat nicht nur genug Sonne, sondern mit den Wüsten von Kandahar, Helmand, Hairatan und Laghman auch ausreichend Flächen, um eine große solare Stromproduktion aufzubauen. „Aus jedem Quadratmeter könnten wir etwa 6,5 Kilowatt Solarstrom pro Tag erzeugen. Das ist ein außergewöhnliches Produktivitätsniveau", erklärt Hamid Tawhidi, Solaringenieur bei DABS.

Vom Einsatz erneuerbarer Energien, insbesondere der Photovoltaik, verspricht sich Afghanistan einen Entwicklungsschub, denn bisher ist die Versorgung mit elektrischer Energie unzureichend und problematisch. Nur gut ein Drittel seines Strombedarfs kann das Land selbst decken, in erster Linie durch Wasserkraft. Außerdem betreibt Afghanistan Kohle- und Gaskraftwerke. Den größten Teil des Stroms muss der Staat von seinen Nachbarländern importieren, etwa aus dem Iran und Usbekistan. Strom aus dem Netz beziehen nur etwa ein Viertel der Afghanen. Auf dem Land, wo drei Viertel der Gesamtbevölkerung leben, haben 90 Prozent der Menschen keinen Zugang zu einer geregelten Stromversorgung. Fehlt die Stromversorgung oder fällt der Strom oft aus, behelfen sich die Menschen in der Regel mit Dieselgeneratoren. Doch deren Betrieb ist teuer und belastet die Umwelt.

Vor diesem Hintergrund präsentiert sich die Photovoltaik als in jeder Hinsicht lohnende Alternative, denn sie ist nicht nur kostengünstiger als die verbreiteten Dieselgeneratoren, sondern leistet obendrein einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz, auf den die afghanische Regierung Wert legt, wie der frühere Minister für Energie und Wasser, Mohammad Gul Khulmi, betont: „Die Welt steht vor der Bedrohung durch globale Erwärmung und die Solarenergieproduktion kann immens dazu beitragen, dieses Risiko zu senken.“ 

Dass die Solarenergie für Afghanistan nicht nur theoretisch eine Chance ist, sondern ganz praktische Vorteile bietet, beweist seit Mitte 2017 eine Pilotanlage auf dem Dach des Stromerzeugers DABS in Kabul. Das Projekt ist Afghanistans erste netzgebundene Solardachanlage, die jährlich 38,61 Megawattstunden Energie erzeugt. Legt man den aktuellen Pro-Kopf-Energieverbrauch in Afghanistan zugrunde, lassen sich mit diesem Ertrag rund 740 Menschen ein Jahr lang mit Strom versorgen. Zusätzlich vermeidet die Anlage einen CO2-Ausstoß von etwa 27 Tonnen pro Jahr und spart jährlich fast 500.000 Afghani an Kosten ein, das entspricht knapp 5.770 Euro.

Installiert wurde die Anlage, die aus 90 Solarpanelen besteht, von einem lokalen Unternehmen und mit technischer und finanzieller Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Parallel zur technischen Ausstattung fördert die GIZ auch die Qualifizierung von Fachkräften, die Solaranlagen betreiben und warten können, unter anderem beim Stromproduzenten DABS. Auch das afghanische Ministerium für Energie und Wasser ließ Personal weiterbilden. Im Rahmen eines Programms zur Förderung junger Unternehmer werden zusätzlich junge Leute im Bereich Solarwirtschaft ausgebildet.

Khulmi, ehemaliger Minister für Energie und Wasser, unterstützt diesen Ansatz: „Die GIZ hilft uns, die Arbeit zu lernen. Sie fischt nicht für uns, sondern bringt uns bei, wie man selbst fischt.“ Er hofft, dass der Ausbau der Solarenergie in Kombination mit der nötigen Qualifizierung neue Arbeitsplätze schafft.

Khulmi schätzt vor allem die positive Außenwirkung der ersten „On-Grid“-Anlage: „Die Pilotanlage zeigt, dass solche Projekte absolut machbar sind.“ Der Politiker hofft, dass das Projekt den Anstoß für Investitionen in Solaranlagen gibt, damit das Potenzial Afghanistans erschlossen werden kann. Das Ministerium für Energie und Wasser hat gemeinsam mit der Privatwirtschaft bereits weitere Projekte in Kandahar und Nangarhar gestartet.

Auch der afghanische Stromerzeuger DABS setzt auf die Kraft der Sonne. In Zusammenarbeit mit der GIZ stellte DABS Solarprojekte mit Batterie-Backup-System in der Provinz Takhar auf die Beine. Insgesamt liefern sie 240 Kilowatt Energie.

Gemeinsam mit dem Ministerium für Energie und Wasser und dem Finanzministerium hat DABS einen Plan ausgearbeitet, um in fünf Zonen landesweit 2.000 Megawatt Solarstrom zu produzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es Investoren. Deshalb will der Stromerzeuger die Hürden für Investitionen in Sonnenenergie so niedrig wie möglich halten. Solaringenieur Hamid Tawhidi stellt klar: „Wir möchten, dass jeder, der die Solarstromproduktion in Afghanistan unterstützen will, direkt mit der Arbeit beginnen kann.

Veröffentlichung: 02/2020   
Programm: Programm zur Verbesserung des Energiesektors (ESIP)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Afghanisches Ministerium für Energie und Wasser (MEW), Nationales Elektrizitätswerk Da Afghanistan Breshna Sherkat (DABS), Afghanisches Ministerium für ländlichen Wiederaufbau und Entwicklung (MRRD), Afghanisches Bildungsministerium (MoHE), Universitäten, Afghanischer
Verband für Erneuerbare Energien (AREU)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen: Badakhshan, Balkh, Herat, Kabul, Kunduz, Samangan, Takhar
„Aus jedem Quadratmeter könnten wir etwa 6,5 Kilowatt Solarstrom pro Tag erzeugen. Das ist ein außergewöhnliches Produktivitätsniveau."
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