Straßen mit Zukunft

Eine Straße kann eine Initialzündung für wirtschaftlichen Aufschwung sein. Der Regionale Infrastrukturentwicklungsfonds (RIDF) finanziert Straßenbauprojekte im Norden Afghanistans, die dringend benötigt werden – und den Alltag vieler Menschen erleichtert

Im Frühjahr und im Winter, wenn Wasser und Schnee in den Schlaglöchern standen, war es besonders schlimm. Taxifahrer Hassamuddin erinnert sich an die vielen strapaziösen Fahrten auf der alten Landstraße, die von der Kleinstadt Dehdadi zur größeren Verbindungsstraße nach Masar-e Scharif im Norden Afghanistans führt. Eine davon ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben:

Hassamuddin works as a taxi driver. He recalls many exhausting journeys along the old road. After one particularly bad experience, he avoided the road to Dehdadi. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Taxifahrer Hassamuddin bringt seine Kunden jetzt auch wieder nach Dehdadi. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

„Ich hatte eine Mutter mit ihrem Neugeborenem und ihrer Familie vom Krankenhaus abgeholt und wir blieben mitten auf der Strecke in einem Schlammloch stecken“, erzählt Hassamuddin. „Es war dunkel, eiskalt und es ging weder vor und zurück.“ Die Männer versuchten, das Auto zu befreien, aber es gelang ihnen nicht. „Erst, als ich lange Zeit laut hupte und die Anwohner herbeieilten und uns halfen, konnten wir Gott sei Dank weiterfahren“, sagt Hassamuddin. Nach dieser schlimmen Erfahrung beschloss er, die Straße nach Dehdadi fortan zu meiden.

Es ist nur ein der unzähligen Geschichten, die sich die Leute im Dehdadi-Distrikt von der Landstraße erzählen, die jahrzehntelang nur aus Schotter bestand. Schwere Lastwagen und Unwetter setzten ihr zu und machten sie teils unpassierbar, Unfälle ereigneten sich häufig.

„Oft kam es zu Problemen, wenn zwei Autos sich trafen und nicht aneinander vorbeikamen, weil die Straße an manchen Stellen zu schmal war“, sagt Haji Ghorban Shah, ein Dorfältester aus Dehdadi. „In der Regenzeit konnten die Leute die Straße oft gar nicht überqueren, weil der Matsch zu tief war, und die Kinder gelangten nicht zur Schule.“

Haji Ghorban Shah, one of the elders of Dehadi district, is happy that his granddaughter can now reach her school also during heavy rain. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Haji Ghorban Shah, freut sich darüber, dass seine Enkeltochter auch bei starkem Regen zur Schule gehen kann. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Für den Entwicklungsrat des Dehdadi-Distrikts stand die Erneuerung der Verbindungsstraße daher seit Jahren weit oben auf der Liste der dringend notwendigen Infrastrukturprojekte. Allein im Distrikt leben rund 4.000 Familien, die meisten von ihnen Bauern, die ihre Waren auf der Straße transportieren.

„Vor allem waren Kinder, Frauen, Älteste und Menschen mit Behinderung durch ihren schlechten Zustand stark benachteiligt”, sagt der Leiter des lokalen Entwicklungsrats, Sayed Mustafa. Mit Hilfe des vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierten Regionalen Infrastrukturentwicklungsfonds (RIDF) gelang es, das Sanierungsprojekt endlich umzusetzen.

Rund 700.000 Euro wurden investiert, die Straßentrasse auf einer Länge von 1,7 Kilometern auf 11 Meter verbreitert und sechs Meter Fahrspur asphaltiert. „Es wurden Brücken, Wasserdurchlässe und Entwässerungskanäle beiderseits der Straße gebaut und damit ein guter Standard geschaffen“, sagt Mustafa.

Dehdadi District is home to about 4,000 families, most of them farmers who transport their goods along the road.

Die neu gebaute Straße im Dehdadi-Distrikt  | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Dehdadi-Distrikts können seit der Fertigstellung der Straße im November 2019 endlich wieder sicher nach Masar-e Scharif reisen, etwa um zum Krankenhaus zu kommen, einzukaufen oder andere wichtige Angelegenheiten zu erledigen. Auch Taxifahrer Hassamuddin bringt seine Kunden jetzt wieder nach Dehdadi. „Manchmal fahre ich sogar viermal am Tag“, sagt er. 

Doch die Straße bringt auch neue Geschäfte aufs Land, sogar Arztpraxen und Apotheken. „Es gab früher kaum Gewerbe entlang der Route, jetzt haben viele die Chance genutzt und Geschäftsräume eröffnet“, sagt Dr. Abdul Ghafour, der selbst eine Artpraxis an der Straße gegründet hat. „Die Leute können nun direkt in meine Praxis kommen, statt wegen jeder Kleinigkeit in die Stadt fahren zu müssen; und auch ihre Medizin bekommen sie in der Apotheke nebenan.“

Manche Ladenbesitzer berichten gar von einem kleinen Geschäftsboom. Shir Mohammed etwa, der in seiner Werkstatt Blecharbeiten erledigt und Metallutensilien herstellt. „Dadurch, dass die Straße so attraktiv ist, kommen viel mehr Kunden von anderswo her“, sagt er. „Und auch die Einheimische kaufen jetzt bei mir statt in Mazar-e Sharif, weil ich die Arbeiten günstiger mache und mit ganzem Herzen.“

Mohammad Shir is happy with the new road, ‘Locals are now buying from me rather than in Mazar-e Sharif, as I carry out the work at a lower cost and put my heart and soul into it.’ | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Mohammed Shir freut sich über die neue Straße. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Expertenwissen und Arbeit für Einheimische

Seit 2010 finanziert der RIDF über die KfW Entwicklungsbank Infrastrukturprojekte wie den Straßenbau bei Dehdadi, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und die regionale Wirtschaft zu stärken. Die Vorschläge hierfür können Behörden und Räte auf Provinz- und Distriktebene bei den Entwicklungsräten der Provinzen (Provincial Development Committees, PDCs) einreichen. Nach Genehmigung des jeweiligen PDCs werden die Projekte dann, durch die zuständigen Fachbehörden umgesetzt. Letztere werden durch RIDF technisch unterstützt.

So wurden in Nordafghanistan bereits mehr als 270 Kilometer Straßen gebaut oder wiederhergerichtet, 98 Kilometer Bewässerungskanäle angelegt und saniert, Flutmauern gegen Überschwemmungen errichtet, tausende Haushalte an das Stromnetz angeschlossen, sowie Schulen gebaut. Derzeit befinden sich viele weitere Projekte in der Planung oder im Bau – und bei allen wurden Expertinnen und Experten der afghanischen Regierungsbehörden auf Provinz- und Distriktebene fortgebildet.

The construction of the two roads is the result of close cooperation between Afghan and German partners. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Die erfolgreichen Straßenbauprojekte sind das Resultat enger Kooperation zwischen afghanischen und deutschen Partnern. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Einer dieser Experten ist Mohammed Shafi. Der Ingenieur und Leiter der Provinzvertretung des Ministeriums für ländliche Rehabilitation und Entwicklung in Balkh hat an mehreren RIDF-Kursen teilgenommen, etwa zu GPS-Techniken und Vermessungswesen. „Die regelmäßigen Kurse sind sehr wichtig für uns, sie stärken die operativen Fähigkeiten des Ministeriums“, sagt Shafi. Insgesamt haben mehr als 5.500 Ingenieure und Regierungsbeamte an den Trainings und Coachings von RIDF in den Nordprovinzen teilgenommen. In Zukunft werden sie mit dem neu gewonnenen Wissen große Infrastrukturprojekte unabhängig planen und realisieren.

Auch die lokale Bevölkerung profitiert schon während des Baus. Bei allen vom RIDF finanzierten Infrastrukturmaßnahmen kommen drei Viertel der Arbeitskräfte aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Darunter sind auch Frauen, die zum Beispiel für die Essenzubereitung oder die Herstellung von Transportsäcken angestellt werden. Zeitweise arbeiteten an der Landstraße in Dehdadi bis zu 100 Einheimische.

Spürbarer Aufschwung

Im Osten von Masar-e Scharif ist mit Unterstützung durch RIDF eine weitere, vier Kilometer lange Verbindungsstraße entstanden, die von der lokalen Bevölkerung schon seit vielen Jahren gefordert wurde. Auch hier wurde die Fahrspur wie in Dehdadi mit Mitteln des RIDF auf sechs Metern Breite asphaltiert.

Auf einem viel befahrenen Teilabschnitt im Vorort Karte Wahdat haben die lokalen Behörden und die Bevölkerung den Neubau zum Anlass genommen, um gemeinsam zu investieren und die asphaltierte Fläche auf zehn Meter Breite auszuweiten. „Einen Meter davon hat die Gemeinde von Masar-e Scharif übernommen, den Rest haben die Anwohner finanziert“, sagt Haji Mohammadullah, Vorsitzender des Bezirksrats von Karte Wahdat. „Dadurch ist die Straße zu einem Gemeinschaftswerk von uns allen geworden und wir werden sie auch gemeinsam erhalten.“

The about four-kilometre long Sajadia Road is something the local population had been calling for many years. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Die Sajadia-Straße in Karte Wahdat. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Wie im Dehdadi-Distrikt, hat sich auch in Karte Wahdat durch den Straßenbau für die Anwohner vieles verbessert. „Wir hatten hier früher oft mit Schlammlawinen und Schlaglöchern zu kämpfen, die Taxifahrer haben oft niemanden mehr mitgenommen, selbst die Kranken nicht“, sagt Mohammadullah. „Diese schlimmen Zeiten haben wir zum Glück hinter uns gelassen.“

Esmatullah, ein Lebensmittehändler in Karte Wahdat, erinnert sich noch an den entsetzlichen Staub, der früher vor allem in den Sommermonaten immer in der Luft lag. „Ich musste mehrmals am Tag putzen und viele Kunden haben sich beschwert, dass unsere Waren schmutzig sind und schlecht riechen“, sagt er. „Viele Leute haben sogar Atemwegskrankheiten bekommen.“ Jetzt laufen seine Geschäfte besser, den Laden muss er nur noch einma| © GIZ GmbH / Mohammad Javid l in der Woche putzten und sein elfjähriger Sohn Mojtaba kann endlich sicher zur Schule gehen.

Esmatullah had to clean his shop several times a day and customers complained about dirty goods. Now, he only cleans his shop once a week. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Esmatullah vor seinem Lebensmittelladen. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Schon bald nach dem Ende der Bauarbeiten im Oktober 2019 zogen auch die ersten Familien nach Karte Wahdat, weil der Vorort plötzlich sicherer und sauberer war als zuvor. Seither entstehen überall im Viertel neue Wohnblöcke, Häuser werden renoviert und Straßenzüge durch private Investoren aufgewertet.

Auch die Grundstückspreise sind gestiegen und ein spürbarer wirtschaftlicher Aufschwung hat sich in Gang gesetzt. „Die Straße ist mehr als nur eine Straße für uns, sie bringt Entwicklung, Wachstum und bedeutet für die Menschen einen besseren Zugang zu Bildung und Arbeit“, sagt der Lokalpolitiker Qader Qarin. „Wir schätzen sehr, dass die deutsche Regierung sich für Infrastrukturprojekte wie dieses einsetzt.“

Von Aufschwung profitieren auch viele Frauen, die sich in Karte Wahdat eine Existenz aufgebaut haben. Wie Frau Mohammadi etwa, deren Schönheitssalon viel einträglicher ist, seit sie ihre Räume besser sauber halten kann. „Die Bräute kommen sogar aus den umliegenden Dörfern zu mir, um sich auf ihren Hochzeitstag vorzubereiten“, sagt sie.

Fatima Haji Mohammadi owns a beatuy salon in Karte Whadat that is now more profitable than before. She says that it is also far easier to keep her premises clean with the new road. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Frau Mohammadi besitzt einen Schönheitssalon, der nun rentabler ist, als zuvor. | © GIZ GmbH / Mohammad Javid

Oder wie Fatima, die als Geflüchtete im Iran gelebt hat und nach ihrer Rückkehr nach Afghanistan in Karte Wahdat ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnet hat, das nun mehr abwirft als vor dem Straßenbau. „Es ist gut zu sehen, dass jetzt fast jeden Monat irgendwo in Karte Whadat eine neue Schule, eine Arztpraxis oder eine Universität eröffnet und es viel sicherer ist als früher” sagt Fatima. „Wir sind zuversichtlich, dass unsere Kinder hier eine bessere Zukunft haben werden.”


Veröffentlichung: 08/2020
Programm: Regionaler Infrastrukturentwicklungsfonds (RIDF)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: Afghan Ministry of Finance (MoF)
Durchführungsorganisation: KfW Entwicklungsbank
Provinzen: Badakhshan, Baghlan, Balkh, Kunduz, Samangan, Takhar
Programmziel: Die Lebensbedingungen in Nordafghanistan werden verbessert, indem Basisinfrastruktur bereitgestellt wird. Die Verwaltung und Bürgergruppen auf Distrikt- und Provinzebene werden in die Lage versetzt, Infrastrukturprojekte nach den Bedürfnissen der Bevölkerung selbst zu planen, umzusetzen und zu betreiben.
Fatima lived as a refugee in Iran before setting up a small grocery store in Karthe Wahdat.
„Wir sind zuversichtlich, dass unsere Kinder hier eine bessere Zukunft haben werden.”
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