Unternehmerin mit sozialem Gewissen

Mit Nadel und Stift zu mehr „Frauen-Power“: Jungunternehmerin Hasina Majidy bildet in Kabul Schneiderinnen aus und bringt ihnen obendrein Lesen und Schreiben oder Englisch bei. Zugleich hat sie mit ihrer Kleiderproduktion Großes vor – bis nach Deutschland will sie ihre Kreationen vermarkten. Das Rüstzeug für erfolgreiches Unternehmertum erhielt sie in einem viermonatigen Training.

Hasina Majidys Büro in Kabul ist funktional eingerichtet – großer Schreibtisch aus dunklem Holz, nüchterne Aktenablage – aber hier hat eine Frau das Sagen, die alles andere als farblos ist. 24 Jahre jung ist die Chefin von „Ahora Training and Clothes Manufacturing Company“. Die Unternehmerin trägt eine modische Jacke und einen safrangelben Schal. An der Wand ihres Büros und auf dem Schreibtisch präsentiert sie stolz ihre Diplome.

Seit 2018 leitet Hasina Majidy ihr eigenes Unternehmen, das eine Schneiderei ist und doch so viel mehr: Ausbildungsbetrieb, Sprachlern- und Alphabetisierungszentrum - und eine Chance für afghanische Frauen. Bei Ahora können sie ein Handwerk und mehr lernen. Damit haben sie die Chance, unabhängiger zu werden und ihre Familien zu unterstützen.

Die Frauen arbeiten konzentriert an neuen Kreationen © Zainab Momand / GIZ 

Die junge Chefin kann durchaus als Vorbild dienen, denn auch sie hat sich ihre Existenz aus eigener Kraft erarbeitet. Als sie ein kleines Kind war, floh ihre Familie wie so viele Afghanen vor den Konflikten im Land. Allerdings kamen Millionen Geflüchtete später auch wieder zurück. Laut UN-Flüchtlingshilfe sind 25 Prozent der afghanischen Bevölkerung ehemalige Geflüchtete, die in den letzten 18 Jahren nach Afghanistan zurückzogen. Auch die Familie von Hasina Majidy kehrte aus der iranischen Hauptstadt Teheran zurück in ihr Heimatland.

In Teheran hatte Hasinas Mutter als Lehrerin in der afghanisch-iranischen Schule gearbeitet, in Afghanistan unterhielt sie zu Hause eine kleine Schneiderwerkstatt, wo sie Frauen in dem Handwerk unterrichtete. Schon als Kind war Hasina Majidy von dieser Arbeit fasziniert und träumte davon, sich später einmal mit ihrer eigenen Werkstatt selbstständig zu machen.

Doch zunächst schlug sie einen anderen Weg ein. Sie studierte Englisch und schloss 2016 das Edrak Institute of Higher Education in Kabul mit dem Bachelor ab. Danach arbeitete die junge Akademikerin fünf Jahre lang für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Afghanistan. Vor drei Jahren verwirklichte sie ihren Traum und steckte ihre Ersparnisse und einen finanziellen Zuschuss ihrer Familie in die Gründung von „Ahora Training and Clothes Manufacturing Company“. „Meine Familie und meine Freunde haben mich sehr motiviert und unterstützt“, blickt die Unternehmerin auf die Gründungszeit zurück. Inzwischen verdient sie mit ihrer Werkstatt genug, um einen Beitrag zum Einkommen der Familie zu leisten.

In Hasina Majidys Unternehmen lernen Frauen das Schneiderhandwerk und produzieren Kleidungsstücke für Kunden. Für viele Frauen in Afghanistan ist es wichtig, dass sie Kleider nähen können, denn zum einen können sie sich ihre Kleidung nicht immer von Schneidern anpassen lassen, zum anderen fehlt ihnen oft das Geld, um konfektionierte Kleidung zu kaufen. Außerdem können sie sich durch Schneiderarbeiten etwas dazuverdienen. 

Trainee Salema präsentiert Hasina ihre Arbeit. © Zainab Momand / GIZ

Die Frauen lernen bei „Ahora“ aber nicht nur das Nähen, sondern auch Lesen und Schreiben sowie Englisch. Hasina Majidy erklärt diese ungewöhnliche Kombination: „Ich biete die Schulungen an, weil die meisten meiner Auszubildenden Hausfrauen sind. Ich will ihnen die Möglichkeit geben, in einer sicheren Umgebung zu lernen und außerdem noch ein wenig Geld zu verdienen.“ Von „Ahora“ bekommen die Frauen nach ihrer Ausbildung  ein offizielles Zertifikat mit Segen des afghanischen Wirtschaftsministeriums ab. Diese Zertifikate können das „Ticket“ zum Erfolg sein: Etliche Absolventinnen haben inzwischen eigene Schneidereien in den Provinzen oder Kabul eröffnet.  

Einen zusätzlichen Schub bekam Hasinas Projekt durch ein Unternehmerinnen-Training, an dem sie und 24 weitere afghanische Geschäftsfrauen teilnahmen. Aufmerksam wurde Hasina Majidy auf die Initiative „Stärkung der Frauen durch Verbesserung ihrer unternehmerischen Fähigkeiten“ durch eine Chatgruppe. Der hohe Standard gefiel ihr, zudem passte das Projekt genau zu ihrer Unternehmenssituation. Mit Erfolg bewarb sie sich um die Teilnahme an dem viermonatigen Trainings- und Beratungsprojekt.

Angeboten wurde es von der Organization for Afghan Women Capacity and Knowledge (OAWCK). Diese afghanische NGO engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für Entwicklung und Frauenförderung und arbeitet mit internationalen Hilfsorganisationen zusammen. Mit ihrem Angebot überzeugte die NGO bei der Mini-Fonds-Ausschreibung für Frauenförderung im Rahmen des von Deutschland finanzierten Open Policy Advisory Fund (OPAF).

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH führt OPAF seit 2009 im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durch. Unter anderem unterstützt OPAF die Entwicklung Afghanistans durch die Förderung konkreter, kurz- bis mittelfristiger Projekte – eben solcher Projekte wie das Unternehmerinnen-Programm, an dem Hasina Majidy teilnahm.

Hasina vermittelt ihr Wissen weiter. © Zainab Momand / GIZ

OAWCK bot Majidy und den weiteren Fortbildungsteilnehmerinnen in vier Monaten 48 Trainings und jeweils ein Dutzend Beratungen und Sensibilisierungssitzungen an. Bei Letzteren ging es zum Beispiel darum, das Bewusstsein der Frauen für unternehmerische Eigenschaften zu stärken.

Das Curriculum entwickelten OAWCK und OPAF gemeinsam. Hasina Majidy und ihre Mitstreiterinnen hatten Trainings zu den Themen Finanzmanagement und Buchhaltung, Verkauf und Marketing, Geschäftsplanentwicklung, Geschäftskommunikation, Kundenservice und professionelles Präsentieren. „Ich würde dieses Training allen Geschäftsfrauen empfehlen, weil es aktuelle Inhalte vermittelt und richtig motivierend ist“, resümiert Hasina.

Vieles von dem Gelernten hat die Unternehmerin in ihrem Geschäft schon praktisch umgesetzt. Zum Beispiel das Finanzmanagement – seit dem Training ist sie von handschriftlichen Notizen auf nach Kategorien getrennte Dokumente umgestiegen. Auch die Arbeitsorganisation hat sie verändert. „Während des Trainings habe ich verstanden, dass ich meinen Arbeitstag in Abschnitte einteilen muss, um effizienter zu arbeiten und bessere Resultate zu erzielen.“ Auch die Arbeit ihrer Mitarbeiterinnen hat sie neu gegliedert. Inzwischen macht nicht mehr jede alles, sondern die Frauen haben feste Aufgabenbereiche wie zum Beispiel Nähen oder Verpacken.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen.  © Zainab Momand / GIZ

Außerdem investiert Hasina Majidy nun mehr Zeit in die Kontaktpflege zu anderen Unternehmen, zu Organisationen und staatlichen Stellen. Sie ist überzeugt, dass sich das auszahlt, denn so werden sie und ihr Geschäft bekannt und daraus entstehen Aufträge. Sie nimmt auch Frauen in ihre Schneiderei auf, die ihr das Arbeitsministerium vermittelt. So kann sie auch diesen Frauen eine Chance bieten und macht sich zugleich einen Namen im Ministerium. Zudem hält Hasina Majidy nun häufig Meetings mit anderen Unternehmen ab. Wie man solche Business-Gespräche vorbereitet, durchführt und nachbereitet hat sie ebenfalls in einem der Trainingskurse gelernt.

Besonders hilfreich fand die Geschäftsfrau auch die Informationen zu Verkauf und Marketing. In diesen Bereichen will sie besser werden, auch wenn ihr für die optimale Umsetzung derzeit noch das Geld fehlt – einen Showroom, Tüten mit dem „Ahora“-Logo und Onlinemarketing kann sich die Jungunternehmerinnen zu ihrem Bedauern nicht leisten.  

Aber was nicht ist, kann noch werden, denn die 24-Jährige hat große Pläne: „Mein größter Erfolg wäre, wenn ich meine Mode nicht nur lokal, sondern international vermarkten könnte. Innerhalb der nächsten fünf Jahre will ich eine internationale Marke kreieren“, sagt die ehrgeizige junge Frau. Die Türkei, Indien, Australien, Kanada und auch Deutschland sieht sie als potenzielle Zielmärkte. Auch ihr Ausbildungsangebot soll größer werden. Online will sie mit Hilfe professioneller Lehrerinnen schon bald mehr Frauen mit ihren Englisch- und Alphabetisierungsklassen erreichen.

Weiter geht es auch mit den Mini-Fonds des Open Policy Advisory Fund. Eine neue Ausschreibung läuft bereits, sodass es schon bald ein neues Projekt für mehr „Frauen-Power“ in Afghanistan geben wird.

Mit der Qualifizierung und Stärkung von Frauen liegt die deutsch-afghanische Zusammenarbeit genau auf Hasina Majidys Linie – sie hätte dazu aber noch einen Vorschlag: Nicht nur NGOs, sondern auch Unternehmen sollten sich um die OPAF-Projektförderung bewerben können, denn: „Auch kleine Unternehmen haben Ausbilder, Erfahrung und einen hohen Qualitätsstandard. Wenn man sie mit ins Boot holt, ist das ein weiterer Schritt, der Afghanistan unabhängiger von internationaler Hilfe macht.“

Veröffentlichung: Juni 2021
Programm: Offener Politikberatungsfonds (OPAF)
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
Partner: afghanisches Ministerium für Finanzen (MoF)
Durchführungsorganisation: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Provinzen:  Kabul
Programmziel: Staatliche Verantwortliche haben Reformschritte angestoßen, die zu mehr politischer und sozialer Teilhabe der Bevölkerung führen.
„Ich biete die Schulungen an, weil die meisten meiner Auszubildenden Hausfrauen sind. Ich will ihnen die Möglichkeit geben, in einer sicheren Umgebung zu lernen und außerdem noch ein wenig Geld zu verdienen.“
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